Live Nations Antwort an die FTC: 260 Millionen geblockte Bots pro Tag – und eine Klage, die genau das bestraft?

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Am 13. Oktober 2026 reagierten Live Nation und Ticketmaster offiziell auf die Klage der US-Handelsbehörde FTC zum BOTS Act. Zuvor hatte die zuständige Richterin Maame Ewusi-Mensah Frimpong einen Antrag auf Klageabweisung abgeschmettert. Die nun eingereichte Klageerwiderung, die bei Digital Music News abrufbar ist, balanciert auf einem schmalen Grat: Sie fungiert einerseits als juristische Schutzmauer und andererseits als PR-Offensive. Diese beiden Rollen stehen in direktem Widerspruch zueinander – und genau darin liegt der Kern des Konflikts.

Worum es in dem Verfahren geht

Hinter der Klage stehen die FTC und sieben US-Bundesstaaten: Colorado, Florida, Illinois, Nebraska, Tennessee, Utah sowie Virginia. Sie zogen 2025 vor Gericht und werfen den Unternehmen vor, gewerblichen Ticket-Brokern den Kauf über festgelegte Limits hinaus routinemäßig zu gestatten und eigene Verkaufsregeln schlicht zu ignorieren. Hinzu kommt der Vorwurf des sogenannten Drip-Pricings: Ticketmaster soll Fans mit künstlich niedrigen Einstiegspreisen gelockt haben, bevor im Checkout massive Zusatzgebühren fällig wurden. Laut einem Bericht von Billboard über die Gerichtsentscheidung vom 28. September argumentiert die FTC, dass Zwischenhändler Hunderte oder gar Tausende Fake-Accounts nutzten. Live Nation und Ticketmaster hätten Schutzmechanismen, die solche Praktiken wirksam unterbinden könnten, absichtlich zurückgefahren, gestoppt oder gar nicht erst eingeführt.

Der BOTS Act verbietet es eigentlich jedermann („any person“), technische Sicherheitsmaßnahmen und Zugriffskontrollen zu umgehen, mit denen Ticketanbieter Beschränkungen pro Ticketkäufer durchsetzen wollen. Gleichzeitig haftet laut Gesetz auch, wer direkt daran beteiligt war, das Geschehen kontrollieren konnte oder wusste beziehungsweise hätte wissen müssen, dass Tickets unter Verstoß gegen das Gesetz beschafft wurden. Der rechtliche Knackpunkt: Gilt dieses „jedermann“ auch für die Ticketplattform selbst, deren eigene Limits umgangen wurden?

Richterin Frimpong hat diese Frage im Rahmen des Abweisungsantrags bereits zugunsten der Kläger beantwortet: Der BOTS Act schließe eine Haftung von Plattformen keineswegs aus, und das Gericht werde das Gesetz auch nicht so auslegen, zitierte Billboard aus der Begründung.

Die doppelte Strategie der Verteidigung

Nach außen präsentiert sich Live Nation als unermüdlicher Vorkämpfer: Nahezu jede bedeutende Technologie im Kampf gegen Bots und automatisierte Ticketkäufe stamme aus dem eigenen Haus, betont das Unternehmen. Allein im vergangenen Jahr habe Ticketmaster täglich fast 260 Millionen Zugriffsversuche von Bots abgewehrt. Der US-Kongress habe den BOTS Act geschaffen, um gegen Scalper und deren Bots vorzugehen – nicht aber, um Ticketplattformen zu bestrafen. Die Klage, so die Argumentation, bestrafe Ticketmaster letztlich dafür, dass der eigene Schutzwall Missbrauch nicht zu hundert Prozent lückenlos verhindert.

Die Akten der Beweisaufnahme zeichnen allerdings ein ganz anderes Bild. Billboard verweist auf eine interne Ticketmaster-E-Mail, in der explizit davon die Rede ist, bei Verstößen „grundsätzlich wegzuschauen“. Richterin Frimpong ließ die Klage unter anderem deshalb zu, weil der Vorwurf im Raum steht, wirksame Gegenmaßnahmen seien wissentlich nicht umgesetzt worden. Ein Unternehmen, das täglich 260 Millionen Bot-Angriffe stoppt, und ein Unternehmen, das Verstöße systembedingt ignoriert, klingen kaum nach derselben Firma – doch genau das ist der Dreh- und Angelpunkt der FTC-Klage. In seiner Erwiderung bestreitet Live Nation die 260 Millionen Abwehraktionen nicht. Bestritten wird lediglich, dass eine noch strengere Durchsetzung rechtlich verpflichtend gewesen wäre. Juristisch mag das zusammenpassen, für die Behörden ist genau diese Haltung der Stein des Anstoßes.

Die stärkste Passage der Klageerwiderung zielte denn auch deutlich auf die Richterbank und weniger auf Schlagzeilen:

„Folgt man der Lesart der Kommission, wird jede neue Schutzmaßnahme und jedes Ticketlimit, das Ticketmaster einführt, zu einer potenziellen Haftungsfalle, sobald ein hartnäckiger Scalper einen Weg daran vorbei findet … Plattformen stünden unter dem Druck, Schutzvorkehrungen oder Kontingentgrenzen komplett aufzugeben. Für Wiederverkäufer würde der massenhafte Ticketaufkauf dadurch exponentiell einfacher – die Zeche müssten Fans, Künstler und Veranstalter zahlen.“

Das Argument hat Gewicht: Macht der BOTS Act jede Sicherheitsmaßnahme zu einem juristischen Risiko, wäre die sicherste Strategie für Plattformen, gar keine Limits mehr aufzustellen und Schutzsysteme abzubauen. Wo es keine Hürden gibt, lässt sich rechtlich auch nichts umgehen – minimales Haftungsrisiko auf Kosten der Fans. In dieser Lesart würde die Rechtsauffassung der FTC ausgerechnet jene belohnen, die am wenigsten tun.

Dass die Klage dennoch nicht abgewiesen wurde, liegt an der FTC-Gegenposition: Haftung droht demnach nicht wegen fehlerhafter Schutzsysteme, sondern wegen der bewussten Verweigerung wirksamer Werkzeuge – das Reduzieren funktionierender Tools und das gezielte Wegsehen. Eine Plattform, die Schutzmechanismen betreibt und dennoch Lücken aufweist, bleibt geschützt; wer Tools in der Schublade hat und sie bewusst nicht aktiviert, dagegen nicht. Die 260 Millionen geblockten Zugriffe belegen für die Regierung bloß, was technisch machbar gewesen wäre – nicht, dass man sorgfältig gehandelt hat.

Politisches Störfeuer

Hinter den Kulissen tobt längst eine politische Schlammschlacht. Mehrere Kongressmitglieder schalteten sich per Amicus-Schriftsatz gegen Live Nations Abweisungsantrag ein: Die Verfasser des Gesetzes erklären dem Gericht persönlich, wie ihre Vorgaben gemeint waren. Bei der Beweisaufnahme geriet die Justiz zudem direkt mit dem Senat aneinander. Die Senatorin Marsha Blackburn und Senator Ben Ray Luján, deren Unterlagen per Vorladung angefordert wurden, sprachen vergangene Woche von einem unzulässigen Versuch, verfassungsrechtlich geschützte Senatsakten zu durchleuchten. Sie berufen sich auf die Speech or Debate Clause der US-Verfassung, mangelnde Relevanz der Akten und Staatenimmunität. Aus einer Verbraucherschutzklage ist damit ein handfester Streit über die Gewaltenteilung geworden.

Der Zeitplan zieht sich massiv in die Länge: Die Klägerseite peilt einen Prozessbeginn im April 2028 an, die Beklagten halten Oktober 2028 für realistisch. Schon jetzt reicht das Verfahren weit über die eigentlichen Tatzeiträume hinaus.

Worauf es jetzt ankommt

In der Klageerwiderung verweist Ticketmaster erneut auf die Umstellung auf All-in-Preise. Bei den Drip-Pricing-Vorwürfen lenkt das Unternehmen damit faktisch ein – ein klares Signal, dass die Verteidigung an dieser Front besonders verwundbar ist. Beim BOTS Act hingegen entscheidet am Ende die Dokumentenlage: Welche Tools existierten intern, wer stoppte ihren Einsatz und was steht in den Firmen-E-Mails? Billboard hat bereits erste brisante Nachrichten offengelegt, und die FTC dürfte noch mehr Material parat haben. Das Narrativ vom 260-Millionen-Bot-Schutzschild wird immer wieder mit der juristischen Haltung kollidieren, die Durchsetzung der Limits sei nie die eigene Pflicht gewesen. Bis zum eigentlichen Prozess vergehen noch rund zwei Jahre, doch der Kampf um die Beweisakten läuft auf Hochtouren – und die Auseinandersetzung mit dem Senat zeigt, dass es dabei keineswegs leise zugehen wird.

Quellen