Sechs Jahre, zwei Urteile, ein Handschlag: Wie der Rechtsstreit um Chance the Rapper mit 35 Dollar von einer Jury und 1,5 Millionen von einem Richter endete
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Der jahrelange Rechtsstreit zwischen Chance the Rapper (Chancelor Bennett) und seinem früheren Manager Pat Corcoran („Pat the Manager“) endete mit einem Urteil, das direkt aus einem Lehrbuch für Vertragsrecht stammen könnte. Im März sprach eine Chicagoer Jury dem Musiker gerade einmal 35 Dollar zu. Jetzt legte Richter James E. Hanlon Jr. nach – und sprach ihm auf ganz anderer Rechtsgrundlage potenziell bis zu 1,5 Millionen Dollar zu (laut Digital Music News).
Akt 1: Die Jury sieht keinen Vertrag – und spricht 35 Dollar zu
Die Schlammschlacht begann 2020, als Corcoran auf 3,8 Millionen Dollar an ausstehenden Provisionen klagte. Seine Begründung: eine mündliche Vereinbarung über 15 Prozent aus den Anfangstagen von Chances Karriere – inklusive einer dreijährigen Auslauffrist („Sunset Clause“) für Tantiemen nach einer Trennung. Schriftlich fixiert hatten die beiden das allerdings nie (Billboard berichtete über die Klageschrift). Bennett schlug 2021 mit einer Widerklage über eine Million Dollar zurück: Er warf Corcoran verpatzte Deals, verdeckte Provisionen und über 300.000 Dollar an überhöhten Abrechnungen vor.
Vor Gericht versuchte Corcorans Anwalt Robert D. Sweeney die Geschichte als Verrat an jahrelanger Loyalität darzustellen (wie Billboard aus dem Gerichtssaal berichtete): Da werde jemand berühmt und vergesse völlig, wer ihn dorthin gebracht habe. Als Beleg hielt er die Erfolgsbilanz dagegen – 125 Wochen für Coloring Book in den Billboard 200 und drei Grammys unter Corcorans Führung, während Star Line nach dem Bruch gerade einmal eine Woche verbuchen konnte. Wer groß rauskommen wolle, brauche eben die richtigen Partner im Hintergrund.
Die Geschworenen ließen sich davon nicht überzeugen. Sie wiesen Corcorans Provisionsforderungen vollständig ab, gaben Chance in der Gegenklage recht – und sprachen ihm als Schadensersatz exakt 35 Dollar zu. Corcorans Anwalt Jay Scharkey verkaufte das Urteil als Warnschuss an die Branche: Man respektiere die Entscheidung, aber Musikmanager sollten daraus vor allem lernen, Vereinbarungen zwingend schriftlich festzuhalten; die 35 Dollar zeigten schließlich, wie wenig Gewicht die Vorwürfe Bennetts für die Jury hatten. Chances Anwältin Precious Jacobs-Perry sprach hingegen von einer „vollständigen Entlastung“.
Akt 2: Der Richter rügt verdeckte Gewinne
Im Oktober übernahm Richter Hanlon das Verfahren und setzte dort an, wo die symbolischen 35 Dollar der Jury aufhörten – bei den Billigkeitsansprüchen. Während sich die Geschworenen mit Vertragsfragen und Provisionen befasst hatten, ging es dem Richter um die Treuepflichten. Und sein Urteil fiel unmissverständlich aus:
„Corcoran hat seine Pflichten verletzt. Seine Merchandising-Firma strich Provisionen von Bennetts eigenen Zulieferern auf Bennetts eigene Bestellungen ein – das stellt einen unzulässigen verdeckten Gewinn dar. Corcoran agierte als Bennetts Bevollmächtigter und Treuhänder. Er beschaffte Waren und Dienstleistungen mit Bennetts Geld, verhandelte mit Zulieferern in Bennetts Namen und vertrat dessen Interessen gegenüber Geschäftspartnern, die Bennett nie zu Gesicht bekam. In dieser Rolle schuldete er uneingeschränkte Loyalität und Offenlegung. Für ihn gelten die klaren Grundsätze zu Interessenskonflikten und verdeckten Gewinnen.“
Dem Bericht von DMN zufolge muss Corcoran nun sämtliche verdeckten Einnahmen herausgeben – Chances Seite beziffert diese Summe auf bis zu 1,5 Millionen Dollar. Den geforderten Strafschadensersatz wies der Richter jedoch ab. Corcorans Sprecher betonte wiederum, das Gericht habe Chances ursprüngliche Forderung von über 10 Millionen Dollar als gegenstandslos verworfen. Zudem sei anerkannt worden, dass Corcoran jahrelang wertvolle Arbeit geleistet habe, von der Bennett messbar profitierte; ein tatsächlicher Schaden müsse nun erst noch in den engen Grenzen des Merchandisings nachgewiesen werden.
Warum das geteilte Urteil ein Signal für die gesamte Musikbranche ist
Beide Entscheidungen zusammen markieren genau die Trennlinie, an der sich fast jeder Streit zwischen Managern und Musikern entzündet: der Unterschied zwischen mündlichen Versprechen und tatsächlichen Rechtspflichten.
Die 35 Dollar der Jury machten deutlich, dass angebliche Zusagen ohne Schriftform vor Gericht kaum Bestand haben. Ohne Vertrag ließen sich weder Provisionssätze noch Übergangsfristen beweisen. Das bewahrte Chance vor der 3,8-Millionen-Forderung. Gleichzeitig weigerte sich die Jury, Corcoran für die Management-Fehler spürbar zur Kasse zu bitten. Zwei Partner, ein Handschlag, kein Schriftstück: Die Vereinbarung war am Ende nur das wert, woran sich beide Seiten jeweils erinnern wollten – und diese Erinnerungen passten nicht zusammen.
Die 1,5 Millionen Dollar des Richters zeigen dagegen, dass Treuepflichten auch völlig ohne Vertrag greifen. Wer als Agent im Namen seines Klienten auftritt, dessen Budget verwaltet und im Hintergrund bei dessen Dienstleistern abkassiert, bricht universelle Treuegrundsätze – ganz gleich, was unterschrieben wurde. Corcorans Verweis auf jahrelange, erfolgreiche Arbeit greift an dieser Stelle schlicht nicht: Man kann einen erstklassigen Job machen und trotzdem für heimliche Gewinne geradestehen müssen.
Für Indie-Künstler, als deren Aushängeschild Chance mit drei Grammys ohne Major-Deal galt, ist das Ganze eine doppelte Lektion. Derselbe Verzicht auf Verträge, der ihm seine künstlerische Freiheit sicherte, rächte sich im Konflikt mit seinem Management bitter. „Macht es schriftlich“, mahnte Corcorans Anwalt – wohl der einzige Satz, den beide Lager sofort unterschreiben würden. Die 35 Dollar stehen für das Versäumnis, Verträge sauber aufzusetzen. Die 1,5 Millionen Dollar sind das absolute Minimum dessen, was das Gesetz auch ohne Unterschrift einfordert.
Quellen
- Digital Music News — Now-Disastrous Partnership Between Chance the Rapper and 'Pat the Manager' Ends With a $1.5 Million Judgment, 15.–16. Oktober 2026
- Billboard — Chance the Rapper Verdict: Star Wins Trial in Pat the Manager Lawsuit, März 2026
- Billboard — Chance the Rapper Hit With $3M Lawsuit From Former Manager Pat Corcoran
- Yahoo Entertainment — Chance the Rapper wins legal battle (zitiert nach DMN)
- Scribd — Klageschrift 2020: Chance The Rapper vs. Pat Corcoran